
Eyes wide shut
August 2025
Matthias Amsler (CH)
Chiara Bertin (CH)
Aleksandra Cegielska (CH)
Océane Jacob (FR)
Daniel Martinez (CH)
Gabriel Orlowski (PL)
Vaste Programme (IT)
Durch die Gegenwart zu gehen bedeutet, sich durch ein Labyrinth zu bewegen. Ein Labyrinth ohne Ausgang, in dem Bilder, Erzählungen und Krisen sich vervielfachen, verschieben und ineinander zusammenfallen. Manche Wege sind grell beleuchtet, andere liegen im Schatten; einige Wände bestehen aus Spektakel, andere aus Schweigen. Je tiefer wir wandern, desto deutlicher wird, dass Sehen niemals neutral ist: Was wir sehen, wird durch die Systeme bestimmt, die unseren Blick rahmen, und was wir nicht sehen, bleibt oft absichtlich verborgen.
EYES WIDE SHUT versammelt sieben Künstler:innen aus der Schweiz, Polen, Italien und Frankreich, deren Werke uns dazu auffordern, zu hinterfragen, wie wir schauen – und warum wir so oft wegschauen. Der Titel benennt das Paradox unserer Zeit: weit geöffnete Augen, überflutet von Bildern von Katastrophe, Ungerechtigkeit und Zusammenbruch, und doch verschlossen gegenüber ihrer Realität, ihren Konsequenzen, ihrem Ruf nach Reaktion. In diesem Zustand gleichzeitiger Sichtbarkeit und Blindheit wird Wahrnehmung selbst zu einem Ort der Mitverantwortung.
Der Weg beginnt mit Vaste Programmes It’s all fun and games. Zunächst ruft die vertraute Form eines Guckkastens Assoziationen von Vergnügen hervor: eine Einladung, das eigene Gesicht einzusetzen, für einen Moment in ein anderes Leben zu schlüpfen – zum Spaß, zur Belustigung. Doch hier gehören die gemalten Körper nicht zu Jahrmarktsfiguren oder exotisierenden Klischees; sie gehören zu Menschen, die durch Katastrophen vertrieben wurden. Um die Ausstellung überhaupt sehen zu können, muss man durch ihre Silhouetten blicken. Die Geste ist unangenehm, ja beschämend. Die Arbeit konfrontiert uns mit dem Mechanismus des Spektakels selbst, damit, wie Leid zum Hintergrund für Unterhaltung wird, wie die Grenze zwischen Empathie und Voyeurismus überschritten wird, ohne dass wir es bemerken.
Von dort führt der Pfad weiter zu Gabriel Orłowskis Bedlam. Seine Fotografien reihen sich an der Wand auf wie Fragmente einer Welt, die sich einer einfachen Lesbarkeit entzieht: überfüllt, überhitzt, chaotisch. Infrastruktur aus Resten zusammengezimmert, Handel auf improvisierten Märkten, Arbeit unter beinahe unmöglichen Bedingungen. Zunächst überwältigen die Bilder, erzeugen die gleiche Verwirrung wie das Betreten eines Ortes, dessen Überlebensregeln unbekannt sind. Doch wenn der Blick verweilt, erscheint ein anderes Muster: verborgene Systeme des Austauschs, der Reparatur, der Resilienz. Aus scheinbarem Chaos entsteht Ordnung – eine Herausforderung für die Annahme, dass Chaos gleichbedeutend mit Scheitern sei. Orłowskis Linse erinnert uns daran, dass unsere Blindheit oft eine Entscheidung ist, ein Verweigern des Hinsehens, weil alternative Logiken des Überlebens die Dominanz unserer eigenen in Frage stellen.
Plötzlich wird der Blick abgelenkt, angezogen von einem Erdhügel, auf dem ein Fernseher in unheimlichem Licht flimmert. Daniel Martínez’ Still Life zeigt endlose Bilder von Katastrophen: Überschwemmungen, Waldbrände, Stürme, Erdrutsche. Die Bilder tragen die Autorität von Nachrichtenaufnahmen, sind jedoch vollständig künstlich – von einem Algorithmus erzeugt. Ihre Fiktionalität verrät sich in Details: Glitches, Green-Screen-Reste, Risse im Spektakel. Hier ist Technologie nicht nur ein Fenster zur Katastrophe; sie produziert sie, konsumiert Erde. Die Betrachtenden geraten in das unangenehme Bewusstsein, dass unsere Beziehung zur Krise vermittelt, inszeniert und ästhetisiert ist – dass wir eher Zuschauer:innen sind als Zeug:innen.
Weiter ins Labyrinth hinein öffnet Chiara Bertins We will leave the weeds einen Raum des Zuhörens. Cyanotypien hängen wie Schatten der Erinnerung, und über Kopfhörer füllen die Stimmen italienischer „Mondine“-Frauen den Raum – Arbeiterinnen, die in den 1920er-Jahren Lieder von Arbeit und Widerstand in den Reisfeldern sangen. Beinahe aus der Geschichte verschwunden, hallen die Balladen in die Gegenwart und verknüpfen vergangene Kämpfe mit solchen, die noch immer andauern: der Kampf um Würde, die Weigerung, ausgelöscht zu werden. Die Installation insistiert darauf, dass Vergessen niemals neutral ist. Was wir nicht mehr sehen, was in den Randzonen der Geschichte verschwindet, lebt weiter unter der Oberfläche – wie Unkraut, das sich jeder Auslöschung widersetzt.
Aus diesem Übergang heraus taucht man ein in die irisierende Welt von Océane Jacobs Camouflage. Auf den ersten Blick überwältigen die Leinwände mit Fragmenten von Flossen, Schalen und Schuppen, vergrößert zu kaleidoskopischer Detailfülle. Der Effekt ist hypnotisch – ein Fest der ozeanischen Schönheit im Mikroskopischen. Doch allmählich tritt etwas anderes hervor: sorgfältig eingearbeiteter Plastikmüll, kaum von den natürlichen Mustern zu unterscheiden. Seine Entdeckung löst ein schmerzhaftes Wiedererkennen aus: Dieses Paradies ist längst kontaminiert. Was unberührt scheint, ist bereits vergiftet; was glänzt, ist zugleich verdorben. Je länger man schaut, desto schwerer wird es, die Störung wieder unzu-sehen.
Der Weg verengt sich und führt zu Aleksandra Cegielskas Tuesday Never Come. Von oben herab schwebt eine monumentale silberne Vulva über einem Sockel aus rosa Fell. Aus der Ferne beeindruckt sie durch ihre Größe, ihren theatralischen Glanz, ihre unapologetische Präsenz. Doch aus der Nähe erscheint eine rote Naht – eine diskrete, fast verborgene Spur von Arbeit, Wunde, Narbe. Das Werk bringt Monumentalität und Intimität, Parodie und Verehrung zusammen und konfrontiert die Misogynie, die in Sprache und Kultur eingebettet ist, während es zugleich auf eine neue Art von Monument besteht – eines, das Würde fordert für das, was lange verspottet oder geleugnet wurde.
Am Ende des Labyrinths steht Matthias Amslers See You Again. Der Pestizidschrank wirkt zunächst wie ein gewöhnliches Objekt des bäuerlichen Alltags und trägt doch vielschichtige Geschichten – persönliche, kulturelle, globale. Unberührt seit dem Tod von Amslers Vater im Jahr 2002, verkörpert der Schrank Verlust, Erbe und die stillen Vermächtnisse der industrialisierten Landwirtschaft. Leere Verpackungen verbotener Pestizide verweisen auf Mitverstrickung: Stoffe, die in der Schweiz verboten sind, zirkulieren anderswo weiter und hinterlassen Spuren der Zerstörung in entfernten Landschaften. Innerhalb der Ausstellung wird der Schrank zu mehr als einem persönlichen Relikt. Er fordert uns auf, die verborgenen Netzwerke zu betrachten, die individuelle Biografien mit globalen ökologischen und ökonomischen Systemen verbinden. Er lädt dazu ein, über das Unsichtbare nachzudenken: die langsame Anreicherung toxischer Rückstände in Böden, Körpern und Erinnerungen – und darüber, wie Alltagsobjekte globale Konsequenzen tragen können.
EYES WIDE SHUT ist keine Ausstellung, die man im Vorübergehen konsumiert. Sie verlangt Dauer, Unbehagen, die Anerkennung von Verstrickung. Das Labyrinth der Werke spiegelt das Labyrinth der Gegenwart: überwältigend, verzerrt, fragmentiert und zugleich unerbittlich in seiner Forderung, gesehen zu werden. Jedes Werk hält uns einen Spiegel unseres konditionierten Sehens vor und legt die selektive Blindheit offen, mit der wir durch das zeitgenössische Leben navigieren.
Die Ausstellung zu verlassen bedeutet nicht, das Labyrinth zu verlassen, sondern zu erkennen, dass wir längst in ihm leben – mit weit geöffneten und doch so oft verschlossenen Augen.
To move through the present is to move through a labyrinth. A labyrinth without exit, where images, narratives, and crises multiply, shift, and collapse into one another. Some paths are brightly lit, others are concealed in shadow; some walls are built of spectacle, others of silence. The deeper we wander, the more we realize that vision is never neutral: what we see is conditioned by the systems that frame it, and what we do not see is often hidden by design.
EYES WIDE SHUT gathers seven artists from Switzerland, Poland, Italy, and France whose works invite us to examine how we look, and why, so often, we choose to look away. The title names the paradox of our time: eyes wide open, flooded with images of disaster, injustice, and collapse, yet shut to their reality, their implications, their call for response. In this state of simultaneous exposure and blindness, perception itself becomes a site of complicity.
The journey begins with Vaste Programme’s “It’s all fun and games”. At first, the familiar shape of a peep-board suggests amusement: an invitation to insert one’s face, to step into someone else’s life for a moment of comic relief. But here, the painted bodies are not carnival figures or exotic stereotypes; they belong to people displaced by catastrophe. To see the exhibition at all, one must peer through their silhouettes. The gesture is uncomfortable, even shameful. The work confronts us with the very mechanism of spectacle, how suffering becomes a backdrop for play, how the line between empathy and voyeurism is crossed without us noticing.
From here, the path stretches into Gabriel Orłowski’s “Bedlam”. His photographs line the wall like fragments of a world that resists comprehension: overcrowded, overheated, chaotic. Infrastructure cobbled together from scraps, commerce conducted in improvised markets, labor unfolding in impossible conditions. At first, the images overwhelm, inducing the same confusion one feels when stepping into a place where the rules of survival are unfamiliar. But as the gaze lingers, another rhythm appears: hidden systems of exchange, repair, and resilience. Order emerges from apparent disorder, challenging the assumption that chaos is failure. Orłowski’s lens reminds us that our blindness is often a refusal, a refusal to see alternative logics of survival, because they unsettle the dominance of our own.
The eye is suddenly pulled away, caught by a mound of soil, where a television glows with uncanny light. Daniel Martínez’s “Still Life” loops endless images of catastrophe: floods, wildfires, storms, landslides. The images carry the authority of news footage, yet they are entirely artificial, generated by an algorithm. Their fictionality leaks at the edges: glitches, green-screen remnants, seams in the spectacle. Here, technology is not just a window onto disaster; it produces disaster, consumes earth. Viewers are trapped in the uneasy awareness that our relation to crisis is mediated, staged, and absorbed as spectacle, leaving us spectators rather than witnesses.
Deeper into the labyrinth, Chiara Bertin’s “We will leave the weeds” creates a space of listening. Cyanotype prints hang like shadows of memory, through headphones, the voices of Italian “Mondine” women fill the air, singing ballads of labor and resistance from the rice fields of the 1920s. The songs, almost lost to history, echo into the present, resonating with struggles that persist today: the fight for dignity, the refusal to be erased. The installation insists that forgetting is never neutral. What we no longer see, what history leaves in the margins, continues to live beneath the surface, like weeds that resist eradication.
Emerging from this threshold, we are submerged in the iridescent world of Océane Jacob’s “Camouflage”. At first glance, the canvases are dazzling: fragments of fins, shells, and scales enlarged into kaleidoscopic detail. The effect is hypnotic, a celebration of oceanic beauty in microscopic form. Yet, as the eye adjusts, something else emerges - plastic waste, carefully blended into the patterns, almost indistinguishable from the natural colors. Their discovery produces a pang of recognition: this paradise is already contaminated. What appears pristine is in fact poisoned; what dazzles is also corrupted. The longer one looks, the more difficult it becomes to unsee the intrusion.
The path tightens, funneling toward Aleksandra Cegielska’s “Tuesday Never Come”. Suspended from above, an enormous silver vulva hovers above a pedestal of pink fur. From a distance, it dazzles with its scale, its theatrical shimmer, its unapologetic presence. Yet up close, a red seam appears, stitched discreetly into the pedestal’s side: a scar, a wound, a labor mark invisible until one draws near. The work collapses monumentality and intimacy, parody and reverence, confronting the misogyny embedded in language and culture while insisting on a new kind of monument, one that demands dignity for what has long been ridiculed or denied.
At the far end of the labyrinth stands Matthias Amsler’s “See You Again”. The pesticide cabinet functions as a quiet but forceful witness. At first glance, it appears as a mundane artifact of farm life, yet it carries layered histories — personal, cultural, and global. Untouched since Amsler’s father’s death from cancer in 2002, the cabinet embodies loss, inheritance, and the silent legacies of industrialized agriculture. The empty packaging of banned pesticides hints at complicity: substances outlawed in Switzerland continue to circulate abroad, leaving traces of harm in distant landscapes. Placed within the exhibition, the cabinet becomes more than a personal relic, it asks viewers to confront the hidden networks that link individual lives to broader ecological and economic systems. It invites reflection on what remains unseen: the slow accumulation of toxic residues in land, bodies, and memory, and the ways everyday objects can carry the weight of global consequences.
EYES WIDE SHUT is not an exhibition to be consumed at a glance. It needs duration, unease, recognition of complicity. The labyrinth of works mirrors the labyrinth of the present: overwhelming, distorted, fragmented, yet insistent in its demand to be seen. Each work holds a mirror to our conditioned vision, exposing the selective blindness through which we navigate contemporary life.
To leave the exhibition is not to exit the labyrinth, but to realize that we already live inside it - eyes wide open, yet too often shut.




